Wieder ist eine Woche vergangen. Die Zeit rennt, voller Rücksichtslosigkeit und ohne Empathie. Sie ist ein stures, resolutes, aber dann doch visionäres und zielstrebiges Wesen. Alles, also wirklich alles hat diese Zeit schon gesehen, die Engel singen und Flügel schwingen, Hiob leiden und dann doch wieder Hoffnung schöpfen, sowie die erste – und nicht die letzte – Diskrepanz zwischen Adam und Eva.
Die Ewige, sie hat den Baum im Garten Eden gegossen und auch sonst das Paradies auf Erden gepflegt. Sie ist oftmals reif, dann wieder nicht und irgendwann hat sie, als die Reife dann wiederum gegeben war, den Raum geheiratet. Seitdem gibt es das Gefüge namens Raumzeit, in welchem wir Menschen – natürlich nicht nur wir – existieren.
Eine dieser Milliarden Existenzen ist er. Er ist ein handelnder Denker, ein Um-die-Ecke-Geher, jemand, der sich zumindest Mühe gibt, zu verstehen. Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass, die gilt es zu unterscheiden. Die große Welt hat dieser Mensch schon gesehen. Und das völlig kostenlos und unkompliziert. Ganz ohne Strapazen, ohne Sackgasse, ohne Nicht-Weiter-Wissen, ohne Geldnot und ganz ohne Hunger und Durst. Die Launen des Wetters sind hierbei ebenfalls völlig irrelevant.
Die Erde, das Universum als Einheit hat sich ihm erschlossen durch Bücher. Ja, durch Bücher, sowie den Mut, selbst zu schreiben, eigens zu ergründen und für sich zu reflektieren. Auf den Grund gehen. Die Schätze hinnehmen, welche am Grund gefunden werden. Er stellt sich die Welt vor. Darauf aufbauend wird entworfen, und in weiterer Folge zu Papier gebracht. Man könnte meinen, er sei einsam. Nicht doch, er lässt die Welt zu sich kommen.
So sitzt der Schreiber nun an seinem Schreibtisch, man könnte diesen auch Denktisch oder Traumtisch nennen. Reflektierend weilt er hier. Gegenüber: eine weiße Wand, welche nichts aussagt und von der auch nichts zu erwarten ist. Was soll eine Mauer in Weiß schon aussagen? Gar nichts. Des Weiteren ist es auch völlig sinnbefreit, sich über so etwas den Kopf zu zerbrechen.
Das allerdings gilt mitnichten für Schreiberlinge. Allem hauchen sie mit Überzeugung, Sinn und Leben, ja eine Geschichte ein. Der Autor sagt sich: „Was, wenn diese Mauer, in ihrer ganzen Pracht, eine Leinwand wäre? Eine Leinwand, auf die Gedanken und infolgedessen auch Träume und Ideen, ja von Zeit zu Zeit Visionen, projiziert werden? Jeder sieht sein eigenes Werk, den Film des eigenen Ichs.“
Als der Autor so sinniert, da geschieht es auf einmal: Die Wand, sie verändert sich. Tatsächlich werden Bilder sichtbar. Voller Erstaunen verfolgt der Sinnierende das Geschehene. Es spielen sich vergangene Szenen aus seinem Leben ab, welche teilweise über zehn Jahre zurückliegen. Irgendwelche Schultage, Familienfeiern oder entscheidende Begegnungen. So zum Beispiel jener Moment, in dem er in der Volksschule einen Fußball gegen den Kopf geschossen bekam und der alte Direktor daraufhin ziemlich erfolglos das Fußballspielen im Innenhof verbot.
Es werden aber auch unbekannte Begebenheiten, Menschen und Orte sichtbar. Einmal steht er am Kilimandscharo, in einem weiteren Bild erkundet er eine Grabstätte im ägyptischen Tal der Könige. Plötzlich realisiert der Denker, dass es sich bei letzteren Szenen um zukünftige Erlebnisse beziehungsweise zu Ende gedachte Träume handelt.
Moment der kreativen Bedrängnis: Das sich auf der Wand abspielende, diese vollendete Ich-Reflexion, sie muss niedergeschrieben und somit festgehalten werden. Nicht morgen oder nächste Woche. Jetzt! Es gibt kein Entrinnen, keine Ausrede.
Der Schreiber schreitet zur Tat. Er wird gedrängt zur Freiheit. Gedrängt von Frau Zeit und Herr Raum.





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