Die Bewusstseinspsychologie

Die klassische Bewusstseinspsychologie hat von etwa 1850 bis 1900 das psychologische Denken und Forschen beherrscht.

Das Wort Bewusstseinspsychologie bezeichnet keine Strömung oder psychologische Schulrichtung im engeren Sinne, sondern vor allem den historischen Umstand, dass die psychologische Forschung bewusste Phänomene als primären Forschungsgegenstand ansah. Die erste Periode ihrer Geschichte nennt man darum auch „klassische Bewusstseinspsychologie“. Sie hat von etwa 1850 bis gegen 1900 das psychologische Denken und Forschen beherrscht. Eine wesentliche Wurzel der Bewusstseinspsychologie ist das Phänomen der Innerlichkeit und Subjektivität des Seelischen.

Philosophischer Materialismus

Physiologen wie Helmholtz machten es sich zum Forschungsziel zu zeigen, dass auch physiologisches Geschehen ausschließlich durch Anwendung physikalischer Regeln erklärt werden kann. Helmholtz leistete sogar mit einigen anderen Physiologen den sogenannten Antivitalisteneid. Dieser war gegen die Vitalisten gerichtet, die meinten, dass es neben den mechanischen Kräften auch eine eigenständige Lebenskraft (Vitalismus) gebe. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts findet sich daher auch eine große Verbreitung des philosophischen Materialismus, der am ehesten zu einem naturwissenschaftlichen Weltbild zu passen schien. Es war daher nur konsequent, dass F. A. Lange von einer Psychologie ohne Seele sprach.

Innen-Außen-Dichotomie

Die wichtigste Gründerpersönlichkeit der wissenschaftlichen Psychologie, Wilhelm Wundt, war in der Physiologie ausgebildet worden. Sein Bestreben war, die Psychologie von einer Hilfswissenschaft der Physiologie zu einer eigenständigen Wissenschaft zu machen. Dazu verwandte er sinnigerweise nicht den Begriff der Seele, sondern der Innen-Außen-Dichotomie, indem er zwischen einer äußeren (mittelbaren) und einer inneren (unmittelbaren) Erfahrung unterschied. Entsprechend definiert Wundt die Psychologie als Wissenschaft von der unmittelbaren Erfahrung.

Bewusstseinsanalyse

Daher sind nach Wundt die Bewusstseinsgegebenheiten von zentraler Bedeutung. Diese sind nur über die Introspektion (innere Wahrnehmung), zu erfassen. Ein wichtiges Ziel der experimentellen Bewusstseinspsychologie Wundtscher Prägung war, das Bewusstsein zu analysieren, also nach Elementen zu suchen, aus denen Wahrnehmungen bestehen. Wundt und andere Forscher trainierten ihre Versuchsteilnehmer oft in hunderten Sitzungen, sodass nur die Angaben von „Introspektionsexperten“ verwendet wurden.

Die experimentellen Bewusstseinsanalysen befassten sich auch mit der sogenannten Enge des Bewusstseins, also der Frage, wie viele unterschiedliche Aspekte gleichzeitig aufgefasst und beachtet werden können (Aufmerksamkeitsspanne). Wundt verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff der Apperzeption, der gewissermaßen den Blickpunkt im Bewusstseinsfeld kennzeichnet und dieses „durchwandert“. Mit diesen Fragen entstand die heutige Aufmerksamkeitspsychologie.

Intentionale Inexistenz

Für die Bewusstseinspsychologie im allgemeinen Sinne ist auch die Würzburger Schule bedeutsam. Einige Vertreter der Würzburger Schule orientierten sich an den Gedanken von Franz Brentano und dessen Schüler Edmund Husserl. Brentano ist wie Wundt eine wichtige Gründerpersönlichkeit der modernen Psychologie. Er suchte ebenfalls nach einem Kriterium, das das Psychische vom Physischen unterschied. Hierzu eignete sich eine Besonderheit des Bewusstseins: Psychische Phänomene können über die innere Wahrnehmung bemerkt, aber nicht beobachtet werden. Brentano sieht – wie schon Kant und Comte – in der inneren Beobachtung eine Zerstörung des Beobachtungsobjektes.

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Das psychische Phänomen, das über die innere Wahrnehmung beachtet werden kann, nannte er intentionale Inexistenz. „Inexistenz“ heißt nicht Nonexistenz, sondern bezeichnet das Enthaltensein dessen, worauf sich das Bewusstsein bezieht. In dieser Intentionalität sah er das entscheidende Kriterium für das Psychische gegenüber dem Physischen. Diese intentionalen Objekte werden heute als semantischer Gehalt des Psychischen bezeichnet. Die Frage, ob sich Intentionalität als naturgesetzlich verstehbares Phänomen auffassen lässt, ist bis heute aktuell geblieben („Brentanos Problem“).

Kritik der Terminologie

William James zeigt in einem Aufsatz, dass jede gegenständliche Auffassung vom Bewusstsein ein Missverständnis ist. Trotz der nachdrücklichen Betonung des prozesshaften Charakters des Seelischen durch Wundt und W. James halten sich bis heute Scheinprobleme in der Auffassung des Seelischen. Jedenfalls hat nicht zuletzt die unklare Redeweise vom Bewusstsein dazu geführt, dass der Behaviorismus den Ausschluss des Bewusstseins als Gegenstand einer wissenschaftlichen Psychologie forderte.

Bewusstsein heute

Heute wird Bewusstsein in seiner funktionalen Rolle für das Erkennen, Bewerten und Handeln untersucht. Bewusste Prozesse sind damit eine wichtige, aber nicht die einzige, oft nicht die entscheidende Komponente in der Handlungsregulation. Wichtig ist es festzuhalten, dass Bewusstsein eine Relation zwischen einer Person und demjenigen ist, dessen sie sich bewusst ist, wobei man auch sich selbst zum (Denk-) Gegenstand des Bewusstseins machen kann (Selbstbewusstsein).

Literatur

Renner, K.-H. & Mack, W. (2010). Einführung in die Psychologie und ihre Geschichte. FU Hagen.

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