Social Media bekommt Druck!

Social Media und Jugendliche: Einer der großen Musterfälle gegen Meta, Google und Snap ist überraschend geplatzt. Der wesentlich größere Kampf um die Frage, wie diese Plattformen eigentlich gebaut sein dürfen, läuft aber gerade erst richtig an.

Eine 15 Jahre alte Jugendliche aus New Jersey hat am Donnerstag ihre Klage gegen Meta, Google und Snap zurückgezogen. Sie hatte den Unternehmen vorgeworfen, dass Instagram, Facebook, YouTube und Snapchat zu ihrer Social Media Abhängigkeit, Depressionen und Selbstverletzung beigetragen hätten. TikTok hatte sich bereits zuvor mit ihr geeinigt. Meta, Google und Snap erklären, für die Einstellung ihrer Verfahren sei kein Geld geflossen. Die Anwältin der Jugendlichen sagt, ihre Mandantin wolle dieses Kapitel abschließen und sich wieder auf ihr eigenes Leben konzentrieren.

Der Fall gehörte zu drei für Oktober vorgesehenen Musterprozessen aus rund 3.300 gebündelten Individualklagen in Kalifornien. Solche Verfahren sollen unter anderem zeigen, wie Geschworene zentrale Argumente und Beweise in Tausenden ähnlichen Fällen bewerten könnten. Nach dem Rückzug bleiben zwei dieser Oktober Verfahren übrig.

Man sollte daraus allerdings weder in die eine noch in die andere Richtung zu viel machen.

Der Rückzug beweist nicht, dass Social Media psychische Erkrankungen verursacht. Er beweist aber genauso wenig, dass die Vorwürfe gegen die Plattformen haltlos sind.

Wie kompliziert die Lage ist, zeigt schon ein anderer Musterprozess vom März. Dort befand eine Jury Meta und Google wegen der Gestaltung ihrer Plattformen für fahrlässig und sprach einer jungen Frau insgesamt 6 Millionen Dollar zu. Meta und Google wollen dagegen vorgehen. Ein weiterer Musterfall wurde im Juli vor Prozessbeginn beendet, nachdem sich andere beteiligte Plattformen mit dem Kläger geeinigt hatten. Die juristische Bilanz ist also alles andere als eindeutig.

Und dann gibt es noch den wesentlich größeren Prozess gegen Meta, der seit dem 18. August in Oakland läuft.

Dahinter steht ein Verfahren einer überparteilichen Koalition von 29 US Generalstaatsanwälten. Im jetzigen Prozess treten zunächst Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey gegen Meta an. Die Staaten werfen dem Unternehmen unter anderem vor, Facebook und Instagram bewusst so gestaltet zu haben, dass Kinder und Jugendliche möglichst lange auf den Plattformen bleiben, Risiken heruntergespielt zu haben und Daten von Kindern unter 13 Jahren ohne ausreichende Zustimmung der Eltern gesammelt zu haben. Meta bestreitet die Vorwürfe.

Besonders interessant finde ich dabei die Aussagen von Arturo Béjar, einem ehemaligen Engineering Director bei Meta. Er sagte vor Gericht, Mark Zuckerberg habe eine Unternehmenskultur geprägt, in der Wachstum und Engagement wichtiger gewesen seien als die Sicherheit von Kindern. Außerdem beschrieb er Metas Umgang mit Nutzern unter 13 sinngemäß als Politik des Wegschauens. Auch das sind zunächst Aussagen eines Zeugen und Vorwürfe im laufenden Verfahren, keine abschließend bewiesenen Tatsachen.

Und genau da liegt für mich der eigentlich spannendere Teil der Diskussion.

Denn bei einem einzelnen Menschen nachzuweisen, dass Instagram, TikTok oder YouTube eine konkrete Depression oder Angststörung verursacht haben, ist extrem schwierig. Psychische Erkrankungen entstehen normalerweise nicht durch einen einzigen Faktor. Menschen haben unterschiedliche Lebensgeschichten, Veranlagungen, soziale Umfelder und Probleme.

Die strukturelle Frage kann man trotzdem stellen.

Warum ist Infinite Scroll eigentlich so gestaltet, dass es keinen natürlichen Endpunkt gibt? Warum werden Inhalte algorithmisch danach ausgewählt, was unsere Aufmerksamkeit möglichst lange bindet? Welche Rolle spielen Likes, Benachrichtigungen, Autoplay und personalisierte Feeds? Wie ernst funktionieren Alterskontrollen wirklich? Und was passiert, wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmens davon profitiert, dass wir möglichst oft und möglichst lange zurückkommen?

Das heißt für mich ausdrücklich nicht: Social Media ist böse.

Ich arbeite selbst seit Jahren mit Social Media und kenne auch die andere Seite. Menschen finden dort Freunde, Communities, politische Bildung, Unterhaltung, Hilfe und manchmal überhaupt erst andere Menschen, die ähnliche Probleme oder Interessen haben.

Genau deshalb finde ich diese Schwarz Weiß Diskussion so anstrengend.

Wir müssen Social Media weder verteufeln noch milliardenschwere Unternehmen so behandeln, als hätten sie mit dem Verhalten ihrer Nutzer überhaupt nichts zu tun.

Die interessante Frage ist, wie viel Verantwortung ein Unternehmen für ein Produkt trägt, dessen Design gezielt menschliche Aufmerksamkeit beeinflusst. Und ob für Kinder und Jugendliche dabei andere Grenzen gelten müssen als für Erwachsene.

Eine zurückgezogene Klage beantwortet diese Frage nicht.

Die Verfahren, die gerade in den USA laufen, könnten sie aber zumindest ein gutes Stück konkreter machen.

weitere Quellen:

https://www.zdfheute.de/video/zdf-morgenmagazin/social-media-meta-klage-psychologin-100.html

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