Neue Macht im Osten? Was China, Russland, Indien und Iran in der SCO verbindet

China, Russland, Indien und Iran gemeinsam in Bischkek. Dazu Pakistan, Belarus und mehrere zentralasiatische Staaten. Die Bilder vom Gipfeltreffen und den gleichzeitig stattfindenden Weltspielen der Nomaden wirkten wie die große Präsentation einer neuen Macht im Osten.

Ganz verschwiegen wurde das Treffen nicht. Unter anderem berichteten der Deutschlandfunk, Euractiv und das Handelsblatt darüber. Gemessen an der Größe der beteiligten Staaten blieb die Aufmerksamkeit in Deutschland allerdings überschaubar.

Dabei lohnt sich ein genauer Blick. Es entsteht dort kein plötzlich gegründetes „NATO des Ostens“. Die beteiligten Staaten bauen jedoch eine Plattform aus, über die sie ihre Interessen zunehmend ohne Europa und die USA abstimmen können.

Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, international als SCO bezeichnet, wurde bereits 2001 gegründet. Zu den sechs Gründungsmitgliedern gehörten China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Indien und Pakistan kamen 2017 hinzu, Iran 2023 und Belarus 2024.

Heute besitzt die SCO damit zehn vollwertige Mitglieder:

Belarus, China, Indien, Iran, Kasachstan, Kirgisistan, Pakistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan.

Nach eigenen Angaben leben in diesen Staaten zusammen mehr als 3,4 Milliarden Menschen. Sie stehen für ungefähr ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung. Allein deshalb ist die Organisation mehr als ein unbedeutender Gesprächskreis.

Die Türkei ist bislang nur Dialogpartner. Präsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte nach dem Gipfel allerdings, sein Land könne sich eine Vollmitgliedschaft vorstellen. Gleichzeitig betonte er, dies bedeute keine Abkehr von der NATO oder dem Westen. Reuters berichtete über diese widersprüchlich wirkende Doppelstrategie.

Genau daran zeigt sich bereits, wie die Organisation funktioniert. Viele Mitglieder wollen ihre Beziehungen zu China und Russland ausbauen, ohne sich vollständig für eine Seite zu entscheiden.

Am 1. September 2026 kamen die Staats- und Regierungschefs in Bischkek zusammen. Nach Angaben des SCO-Sekretariats wurden insgesamt 28 Dokumente verabschiedet. Sie behandeln unter anderem Sicherheit, Drogenbekämpfung, Handel, Energie, Technologie und die weitere Entwicklung der Organisation.

Politisch besonders wichtig ist die Erklärung von Bischkek. Darin verurteilen die Mitgliedstaaten die militärischen Angriffe auf iranisches Staatsgebiet, die zu zivilen Opfern und wirtschaftlichen Schäden geführt hätten. Sie unterstützen die Souveränität und territoriale Integrität des Iran und fordern eine politische und diplomatische Lösung.

Die Erklärung richtet sich außerdem gegen einseitige Sanktionen, sofern diese nach Ansicht der Unterzeichner gegen internationales Recht oder die Regeln der Welthandelsorganisation verstoßen. Für Iran und Russland ist eine solche gemeinsame Position wertvoll, weil beide Länder unter umfangreichen westlichen Sanktionen stehen.

Eine Behauptung aus dem vorliegenden Videoausschnitt geht allerdings zu weit: In der aktuellen Erklärung werden weder Donald Trump noch Benjamin Netanjahu namentlich verurteilt. Auch die USA und Israel werden im Abschnitt über die Angriffe auf Iran nicht ausdrücklich als Verantwortliche genannt. The Wire hat die aktuelle Erklärung mit der deutlich schärferen Fassung des Vorjahres verglichen.

Auch zu Palästina enthält das Dokument keine ausführliche Abrechnung mit Netanjahu. Es fordert allgemein eine umfassende und gerechte Lösung der palästinensischen Frage. Die Lage in Gaza nimmt wesentlich weniger Raum ein als in der Erklärung des Vorjahres.

Die SCO demonstriert damit Solidarität mit Iran, aber in einer Formulierung, der auch Indien zustimmen konnte. Das ist eine politische Botschaft, noch keine Zusage wirtschaftlicher oder militärischer Hilfe.

China möchte die SCO stärker für Handel, Investitionen, Energie, künstliche Intelligenz und neue Verkehrsverbindungen nutzen. Xi Jinping kündigte in Bischkek unter anderem weitere Technologieprojekte und einen Ausbau der gemeinsamen Sicherheitsstrukturen an. Seine offizielle Rede verbindet diese Zusammenarbeit ausdrücklich mit einer Neuordnung internationaler Machtverhältnisse.

Russland kann über die Organisation zeigen, dass es trotz des Krieges gegen die Ukraine international nicht vollständig isoliert ist. Für Iran bietet sie Kontakte zu großen Handelspartnern und politische Rückendeckung gegenüber den USA. Die zentralasiatischen Mitglieder wiederum erhalten Zugang zu Investitionen, Handelswegen und verschiedenen mächtigen Partnern.

Indien verfolgt eigene Interessen. Das Land möchte in Zentralasien mitreden und seine strategische Unabhängigkeit bewahren. Gleichzeitig sind China und Pakistan Rivalen Indiens. Associated Press beschreibt die SCO deshalb als ein wichtiges Gegengewicht zum Einfluss der USA, aber ausdrücklich nicht als einheitlichen politischen oder militärischen Block.

Indien unterstützte in Bischkek beispielsweise erneut nicht den Abschnitt zur chinesischen Belt-and-Road-Initiative. Der dazugehörige Wirtschaftskorridor zwischen China und Pakistan verläuft durch ein Gebiet, das auch Indien beansprucht. Selbst innerhalb einer gemeinsamen Abschlusserklärung bleiben solche Konflikte bestehen.

Die SCO besitzt außerdem keine mit der NATO vergleichbare Verpflichtung zum gegenseitigen militärischen Beistand. Wird ein Mitglied angegriffen, müssen die übrigen Staaten nicht automatisch militärisch eingreifen.

Das macht die Organisation allerdings nicht unwichtig. Sie muss ihre Mitglieder nicht in jeder Frage vereinen. Es reicht bereits, wenn sie bei Sanktionen, Handel, Sicherheit, Technologie und der Kritik an westlicher Dominanz gemeinsame Positionen finden.

Rund um Paolo Zampolli wurden im Video drei verschiedene Ereignisse miteinander verbunden: der kirgisische Unabhängigkeitstag, die Eröffnung der Weltspiele der Nomaden und der SCO-Gipfel.

Eine offizielle US-Delegation war tatsächlich in Bischkek. Nach Angaben der staatlichen kirgisischen Nachrichtenagentur Kabar wurde sie von Trumps Sonderbeauftragtem Sergio Gor geleitet. Zu ihr gehörten außerdem Senator Steve Daines, die US-Außenministeriumsvertreterin Bethany Morrison und Paolo Zampolli.

Angekündigt wurde diese Delegation für die Feier zum 35. Jahrestag der kirgisischen Unabhängigkeit und die Eröffnung der Weltspiele der Nomaden. Zampolli schrieb anschließend auf seinem eigenen X-Account, er habe Trump und Außenminister Marco Rubio bei der Eröffnungsfeier vertreten.

Dieser Teil seiner Darstellung ist damit nachvollziehbar. Für eine offizielle Teilnahme Zampollis am eigentlichen SCO-Gipfel habe ich dagegen keinen belastbaren Beleg gefunden. Auch die offizielle Teilnehmerübersicht des Gipfels führt ihn nicht auf.

Die Weltspiele waren zudem ein internationales Kultur- und Sportereignis mit angemeldeten Teilnehmern aus 104 Staaten. Reuters berichtete über die Eröffnungsfeier und die dort anwesenden Staatschefs. Dass das Publikum die iranische Mannschaft bejubelte oder Zampolli dieselbe Veranstaltung besuchte, beweist daher weder eine geheime Absprache noch ein politisches „Verbrüdern“ mit Iran.

Die zeitliche Nähe war trotzdem politisch wirkungsvoll. Am 31. August liefen internationale Mannschaften in die Arena ein. Einen Tag später verabschiedeten China, Russland, Indien, Iran und sechs weitere Staaten ihre gemeinsame Erklärung. So entstanden Bilder von kultureller Gemeinschaft und politischer Zusammenarbeit, die sich kaum voneinander trennen ließen.

Für mich liegt die eigentliche Bedeutung deshalb nicht in einer möglichen Geheimmission Zampollis. Wichtiger ist, dass sich dort zehn Staaten mit sehr verschiedenen Interessen regelmäßig an einen Tisch setzen und eigene Strukturen aufbauen.

Die SCO ist keine neue, geschlossene Koalition und schon gar keine Freundesgruppe. Sie ist eine wachsende Interessengemeinschaft, in der China und Russland großen Einfluss besitzen und Iran inzwischen einen festen Platz gefunden hat. Gerade weil ihre Mitglieder nicht in allen Fragen übereinstimmen müssen, kann sie für immer mehr Staaten attraktiv werden.

Man sollte daraus keine allmächtige Ost-Allianz machen. Sie weiterhin als bedeutungslosen Gesprächskreis abzutun, wäre allerdings genauso kurzsichtig.

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