53,4 Prozent für die AfD im Wahlkreis Eisleben. Nur wenige Kilometer weiter erreicht sie in Halle III gerade einmal 18,3 Prozent. Bei derselben Landtagswahl, im selben Bundesland, liegen zwischen beiden Ergebnissen mehr als 35 Prozentpunkte.
Auch bei den anderen Stimmen könnte der Gegensatz kaum größer sein. In Eisleben holte AfD-Kandidat Reiner Kretschmann mit 55,6 Prozent das stärkste Direktwahlergebnis des gesamten Landes. In Halle III gewann dagegen Jannik-Loris Balint von der Linken mit 39,9 Prozent das Direktmandat. Bei den Zweitstimmen wurden dort die Grünen mit 33,7 Prozent stärkste Kraft. Es war der einzige Wahlkreis Sachsen-Anhalts, in dem die AfD nicht vorne lag. Die Wahlbeteiligung erreichte in Halle III außerdem 85,1 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem vorläufigen Wahlergebnis und wurden von der Tagesschau zusammengefasst.
Eisleben: Wenn ein Ort seit Jahrzehnten verliert
Eisleben und der Landkreis Mansfeld-Südharz haben einen langen Strukturwandel hinter sich. Mit dem Ende und der Verlagerung des Bergbaus verschwanden Arbeitsplätze, junge Menschen zogen weg und die Bevölkerung wurde älter. Der Landkreis sank von 158.223 Einwohnern im Jahr 2007 auf 129.029 im Jahr 2024. Eisleben selbst hatte 2024 noch rund 22.500 Einwohner. Die langfristige regionale Schrumpfung wird auch im Demografieportal des Bundes und der Länder deutlich.
So etwas bleibt nicht nur eine Zahl in einer Statistik. Wer wegzieht, fehlt als Kunde, Nachbar, Vereinsmitglied oder möglicher Gründer eines Geschäfts. Läden schließen, Wohnungen stehen leer und an manchen Gebäuden wird der Verfall sichtbar. Ein MDR-Bericht über Eisleben zeigte 2025 genau diesen Gegensatz: eine geschichtsträchtige Stadt, die gleichzeitig mit Leerstand, Abwanderung, geschlossenen Geschäften und verfallenden Häusern kämpft.
Das heißt nicht, dass Eisleben nur aus Ruinen besteht. Die Stadt hat ein historisches Zentrum, ihre Lutherstätten gehören zum Welterbe und es gibt Menschen, die sich für ihren Ort einsetzen. Trotzdem kann das Gefühl, dass seit Jahren immer mehr verschwindet, einen sehr realen Hintergrund haben. Wer erlebt, wie Freunde und Kinder wegziehen und wie vertraute Orte schließen, hört politische Erzählungen vom Niedergang wahrscheinlich anders als jemand, dessen Viertel wächst.
Halle III umfasst unter anderem Altstadt, Paulusviertel, Giebichenstein und die Nördliche Innenstadt. Das sind dicht bewohnte, universitär und kulturell geprägte Stadtteile. Studierende, Wissenschaft, neue Bewohner und internationale Kontakte gehören dort stärker zum Alltag. Halle hat nach dem massiven Einwohnerrückgang der Nachwendezeit ebenfalls große Probleme, entwickelte seit den 2010er Jahren aber wieder mehr städtische Dynamik.
Damit leben beide Wahlkreise zwar im selben Bundesland, aber nicht in derselben gesellschaftlichen Erfahrung. In Eisleben steht häufiger die Frage im Raum, was als Nächstes noch verloren geht. In Halle III erleben viele Menschen eher Zuzug, Veränderung und ein Umfeld, in dem ständig neue Gruppen aufeinandertreffen. Das erklärt kein Wahlergebnis allein, beeinflusst aber, welche politischen Botschaften glaubwürdig wirken.
Was der Kontakt mit ausländischen Mitbürgern verändern kann
Meine These ist schon länger: In einer Stadt kommt man häufiger mit ausländischen Mitbürgern in Kontakt. Man arbeitet zusammen, studiert gemeinsam, wohnt im selben Haus oder steht beim Bäcker nebeneinander. Dabei merkt man zwangsläufig, dass „die Ausländer“ keine einheitliche Gruppe sind. Auf dem Land oder in einer schrumpfenden Kleinstadt kann Migration dagegen leichter ein abstraktes Thema bleiben. Über Menschen, die man kaum persönlich kennt, lässt sich einfacher ein Feindbild aufbauen.
Diese Idee wird als Kontakthypothese schon lange untersucht. Eine 2026 veröffentlichte Studie über die AfD in Deutschland fand in ländlichen Wahlkreisen einen Zusammenhang zwischen größerer ethnischer Vielfalt und einer geringeren Wahrscheinlichkeit, die AfD zu wählen. Das beweist nicht, dass jeder persönliche Kontakt politische Einstellungen verändert. Es passt aber zu der Annahme, dass tatsächliche Alltagserfahrungen pauschale Bilder abschwächen können.
Entscheidend ist dabei nicht nur, dass Menschen mit unterschiedlicher Herkunft am selben Ort wohnen. Kontakt kann oberflächlich, konfliktreich oder fast vollständig getrennt bleiben. Auch Großstädte sind keineswegs automatisch gegen Rechtspopulismus geschützt. Der Vergleich Eisleben gegen Halle III zeigt deshalb keine allgemeine Regel nach dem Muster Stadt links, Land rechts.
Wahrscheinlich treffen hier mehrere Entwicklungen aufeinander: jahrzehntelange Abwanderung, sichtbarer Strukturverlust, eine ältere Bevölkerung und weniger alltägliche Begegnungen mit unterschiedlichen Gruppen auf der einen Seite. Auf der anderen stehen Universität, Zuzug, ein jüngeres Umfeld und häufigere persönliche Kontakte. Hinzu kommen Bildung, Kandidaten, lokale Parteistrukturen und die unterschiedliche Wahlbeteiligung.
Der Verfall eines Ortes führt nicht automatisch zur AfD und der Kontakt mit ausländischen Mitbürgern macht niemanden automatisch links oder grün. Die beiden Wahlkreise zeigen aber, warum es zu einfach ist, Wahlergebnisse nur mit einem Schlagwort wie Arbeitslosigkeit oder Protest abzuhaken. Menschen wählen auch aus der Erfahrung heraus, ob ihre Umgebung seit Jahren kleiner wird oder ob sie trotz aller Probleme noch Bewegung und Möglichkeiten wahrnehmen.
Wer Migration vor allem aus politischen Erzählungen kennt, kann sich leichter eine homogene Bedrohung darunter vorstellen. Wer täglich mit sehr verschiedenen Menschen zu tun hat, erlebt häufiger Widersprüche zu diesem Bild. Vielleicht liegt genau zwischen abstrakter Angst und persönlicher Erfahrung ein Teil jener 35 Prozentpunkte, die Eisleben und Halle III bei dieser Wahl trennen.
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