Ich finde die Idee hinter Moral Reframing erstmal ziemlich nachvollziehbar. Wenn ich jemanden überzeugen möchte, bringt es wenig, ausschließlich zu erklären, warum MIR etwas wichtig ist. Gemeint ist deshalb, eine Position mit moralischen Werten zu begründen, die auch dem Gegenüber wichtig sind. Die eigene Forderung bleibt bestehen, aber ihre Begründung verändert sich. So beschreiben es auch die Forschenden, die diesen Ansatz untersucht haben. Studie von Voelkel und Feinberg.
Allerdings interessiert mich dabei vor allem, ob das tatsächlich etwas bewirkt. Dass eine Erklärung vernünftig klingt, reicht schließlich noch nicht. In Experimenten zum US-Wahlkampf 2016 fanden Voelkel und Feinberg Hinweise darauf, dass unterschiedlich moralisch begründete Kritik die Unterstützung für Trump beziehungsweise Clinton beeinflussen konnte. Gemessen wurden dabei Einstellungen und angegebene Wahlabsichten, keine tatsächlich abgegebenen Stimmen. Das ist ein interessanter Befund, aber eben noch kein Beleg dafür, dass man damit zuverlässig politische Überzeugungen verändert. Originalstudie.
Ein anderes Experiment zeigt ziemlich gut, warum diese Unterscheidung wichtig ist. In einer 2023 veröffentlichten Untersuchung mit 2.009 konservativen Republikanern wurde sorgfältiger Umgang mit Informationen als etwas dargestellt, das zu ihrer politischen Identität und ihren Werten passt. Danach gaben die Teilnehmenden der entsprechenden Versuchsgruppe der Genauigkeit tatsächlich mehr Bedeutung. Nur ließ sich keine statistisch signifikante Verbesserung dabei nachweisen, wahre von falschen Nachrichtenüberschriften zu unterscheiden. Die erklärte Haltung hatte sich verändert, die untersuchte Leistung dagegen nicht nachweisbar verbessert. Studie im HKS Misinformation Review.
Schön, wenn Menschen anschließend sagen, dass ihnen korrekte Informationen wichtig sind. Für politische Aufklärung möchte ich allerdings schon wissen, ob sie diese Informationen dann auch besser beurteilen können. Gleichzeitig wäre es genauso unsauber, aus diesem einzelnen Versuch abzuleiten, dass Moral Reframing grundsätzlich nichts bringt. Hier wurde eine bestimmte Anwendung untersucht. Die Frage, ob jemand Nachrichten besser beurteilt, ist außerdem eine andere als die Frage, ob er einen Kandidaten nach einem Text etwas anders bewertet.
Für mich heißt das, dass wir bei unseren eigenen Kommunikationsideen genauer hinschauen müssen. Wir können nicht ständig Belege von anderen verlangen und bei einer Methode, die uns selbst gefällt, plötzlich mit „Klingt doch logisch“ zufrieden sein. Gerade wenn ich gegen rechte Desinformation arbeite, möchte ich wissen, was meine Arbeit tatsächlich bewirkt und was ich mir vielleicht nur davon verspreche.
Ich halte es weiterhin für sinnvoll, zu verstehen, warum jemand eine Position vertritt und welche Werte dabei eine Rolle spielen. Das bedeutet für mich aber auch nicht, jede Vorstellung zu akzeptieren oder meine eigene Haltung aufzugeben. Wenn ein Argument menschenfeindlich ist, werde ich es nicht übernehmen, nur um ein angenehmeres Gespräch zu führen. Verständlicher zu argumentieren darf nicht dazu führen, dass am Ende ausgerechnet die Menschen aus dem Blick geraten, um deren Rechte es geht.
Moral Reframing würde ich deshalb ausprobieren, aber keine verlässliche Wirkung versprechen. Mich interessiert, ob jemand danach einen Zusammenhang besser versteht, eine Behauptung überprüft oder seine Position überdenkt. Dass ich selbst mit meiner Formulierung zufrieden bin, wäre mir als Erfolgskontrolle jedenfalls zu wenig.
Quellen und Studien
Jan G. Voelkel und Matthew Feinberg: Morally Reframed Arguments Can Affect Support for Political Candidates. Originalstudie, DOI: 10.1177/1948550617729408.
Michael N. Stagnaro, Sophia L. Pink, David G. Rand und Robb Willer: Increasing accuracy motivations using moral reframing does not reduce Republicans’ belief in false news. HKS Misinformation Review, 6. November 2023.
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