Ich hasse CDU und Zeitarbeit, aber …

Ja, ich hasse die CDU. Zumindest politisch. Ich halte viele ihrer Entscheidungen für sozial ungerecht, ihre aktuelle Migrationspolitik für gefährlich und Friedrich Merz für einen Kanzler, der die Grenze nach rechts viel zu weit verschoben hat. Mit Zeitarbeit sieht es ähnlich aus, ich hasse es wenn zwischen ihrer Arbeit und dem eigentlichen Unternehmen noch jemand sitzt, der kräftig mitverdient bzw. AUSBEUTET.

Trotzdem kann ich weder jeden CDU-Politiker mit der AfD gleichsetzen noch jeden Menschen aus der Zeitarbeitsbranche automatisch in dieselbe Schublade stecken.

Gerade in Kommentarspalten lese ich immer häufiger, CDU und AfD seien ohnehin das Gleiche. Im Januar 2025 brachte die Union einen migrationspolitischen Antrag in den Bundestag, der nur mithilfe der Stimmen der AfD eine Mehrheit bekam. Friedrich Merz hatte diese Mehrheit bewusst in Kauf genommen. Angela Merkel, die nun wirklich NICHT plötzlich zu meinem politischen Vorbild geworden ist, bezeichnete dieses Vorgehen öffentlich als falsch.

Wer daraus macht, die gesamte CDU sei einfach nur die AfD mit einem anderen Logo, macht es sich trotzdem zu leicht. Zwischen Friedrich Merz, der die Brandmauer mit einem Vorschlaghammer auf Belastbarkeit testet, und CDU-Politikern wie Daniel Günther oder Hendrik Wüst bestehen reale Unterschiede. Günther vertritt seit Jahren einen deutlich härteren Kurs gegen die AfD. Wüst fordert aktuell eine gemeinsame Bund-Länder-Prüfung der Verfassungsmäßigkeit der Partei und schließt dabei auch ein mögliches Verbotsverfahren nicht grundsätzlich aus. Aus Bayern kommt da von „Fähnchen Söder im Wind“ natürlich Gegenwind.

Die CDU ist keine geschlossene politische Persönlichkeit. Auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene treffen unterschiedliche Interessen, Generationen und politische Strömungen aufeinander. Es gibt weiterhin Menschen aus der Merkel-geprägten, liberaleren Mitte. Es gibt konservative Pragmatiker. Und es gibt Kräfte, die offenbar glauben, man könne die AfD bekämpfen, indem man ihre Sprache und Teile ihrer Politik übernimmt. Ich mag keine dieser Strömungen besonders. Für die Demokratie ist es aber ein gewaltiger Unterschied, ob jemand mit mir über Sozialpolitik streitet oder die Grundlagen des demokratischen Systems angreift.

Ausgerechnet ein Projekt rund um Gert Scobel hat mich noch einmal daran erinnert, dass politische Herkunft und heutige Wirkung nicht immer sauber in dieselbe Schublade passen.

Scobels heutiger YouTube-Kanal wird vom gemeinnützigen AVE Institut für Achtsamkeit, Verbundenheit und Engagement finanziert. Das Institut beschäftigt sich mit Bildung, Empathie, gesellschaftlicher Verantwortung und Klimaschutz. Es positioniert sich klar gegen Rechts und für eine lebendige Demokratie. Finanziert wird es nach eigenen Angaben aus dem Privatvermögen seiner Gründer Hanna und Dieter Paulmann.

Und jetzt wird es für mich unangenehm lustig: Ein wesentlicher Teil dieses Vermögens stammt aus der Personaldienstleistungsbranche. Dieter Paulmann gründete die DIS AG und führte sie über viele Jahre. 2006 verkaufte die Paulmann-Familie ihr Aktienpaket von rund 29 Prozent für ungefähr 195 Millionen Euro an Adecco. Die gesamte DIS AG wurde bei der geplanten Übernahme mit 636 Millionen Euro bewertet.

Ein progressives Bildungs- und Medienprojekt, das letztlich auch durch ein Vermögen aus der Zeitarbeitsbranche ermöglicht wird – das stand definitiv nicht auf meiner Bingo-Karte.

Dazu kommt eine indirekte Verbindung in die alte CDU-Denkwelt. Hanna und Dieter Paulmann gehörten zu den Gründungsstiftern von Denkwerk Zukunft. Eine zentrale Figur dieser Stiftung war der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, der zuvor unter anderem für CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf und in der CDU-Bundesgeschäftsstelle gearbeitet hatte. Daraus folgt nicht, dass die Paulmanns CDU-Mitglieder waren oder das AVE Institut ein CDU-Projekt ist. Genau diese vorschnelle Behauptung wäre wieder dieselbe Schublade, um die es mir hier geht.

Das Vermögen aus der Personaldienstleistung macht die problematischen Seiten der Zeitarbeit nicht besser. Spätere gemeinnützige Arbeit radiert nicht rückwirkend aus, wie eine Branche ihr Geld verdient hat. Gleichzeitig wäre es unsinnig, deshalb Bildungsarbeit, Meeresschutz oder einen demokratischen Wissenschaftskanal abzulehnen. Geld und Menschen können aus einem Umfeld kommen, das ich politisch kritisiere, und später trotzdem etwas unterstützen, das ich sinnvoll finde.

Das gilt auch umgekehrt. Ein grünes Logo macht ein Unternehmen nicht automatisch nachhaltig. Ein linkes Profil schützt keinen Creator davor, sich daneben zu benehmen. Und ein CDU-Parteibuch sagt noch nicht vollständig, wie jemand auf kommunaler oder regionaler Ebene handelt. Parteien, Firmen und politische Milieus bestehen aus Menschen. Menschen können widersprüchlich sein, ihre Ansichten verändern und manchmal sogar mit Geld aus einer Branche, die ich abschaffen möchte, etwas aufbauen, das ich unterstützen kann.

Ich werde deshalb weder CDU-Fan noch Freund der Zeitarbeit. Die CDU muss sich daran messen lassen, wie weit sie rechte Narrative normalisiert und ob ihre Brandmauer zur AfD mehr ist als ein Wort für Sonntagsreden. Zeitarbeitsfirmen müssen sich daran messen lassen, wie sie mit Beschäftigten umgehen und ob ihr Geschäftsmodell mehr leistet, als zwischen Arbeit und Arbeitnehmern mitzuverdienen.

Aber wenn wir jede Person innerhalb einer Partei, jede regionale Gliederung und jedes spätere Projekt unterschiedslos behandeln, verlieren wir genau das, was uns von rechter Stimmungsmache unterscheiden sollte: die Bereitschaft, Fakten auszuhalten, selbst wenn sie nicht ordentlich in unser Feindbild passen.

Man kann CDU und Zeitarbeit hassen und trotzdem anerkennen, dass nicht alles, was daraus hervorgeht, automatisch schlecht ist. Leider. Das Leben hätte wirklich übersichtlicher sein können.

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Quellen

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