Geschichte im Abo: Kündigungsfrist leider verpasst

Im ARD-DeutschlandTrend vom September liegt die AfD bei 27 Prozent, die Union bei 21. Gleichzeitig will die AfD-Fraktion die deutsche Erinnerungskultur „neu ausrichten“, weil sie sich zu sehr auf die „Tiefpunkte“ konzentriere (tagesschau.de). Das ist Marketing. Die deutsche Geschichte bekommt ein Rebranding, bei dem zwölf unvorteilhafte Jahre als vorübergehende Betriebsstörung im sonst sehr ordentlichen Gesamtprodukt verbucht werden. Eine Hotelbewertung dazu würde ungefähr so aussehen: Lage top, Autobahnen staufrei, Service zwischen 1933 und 1945 mit gewissen Anlaufschwierigkeiten. George Carlin hätte dafür den Begriff Soft Language geprägt, und er hätte ihn mit sichtbarer Lust benutzt.

Wer lange genug sucht, findet in der Geschichte auch einen Jahrhundert-Timer. Jüdischer Krieg, Völkerwanderung, Pest, Mongolensturm, Dreißigjähriger Krieg, Weltkriege: Irgendwo passt immer eine Katastrophe ins gewünschte Jahrhundert. Wer daraus eine Vertragslaufzeit mit garantierter Verschnaufpause bastelt, hat die AGB offenbar nur bis zur Zusammenfassung gelesen.

Das 15. Jahrhundert hätte nach dem Schwarzen Tod die Erholungsphase sein sollen. Der Hundertjährige Krieg endete 1453, zwei Jahre später fingen in England die Rosenkriege an, als hätte jemand die Laufzeit rechtzeitig verlängert. Im selben Jahr fiel Konstantinopel an die Osmanen, die Pest kam weiterhin unangemeldet vorbei, und die Folgen des Schwarzen Todes wirkten ohnehin lange nach, vor allem durch massive Arbeitskräfteknappheit und verschobene Machtverhältnisse zwischen Arbeitern und Grundbesitzern (National Archives). Als Kuraufenthalt würde ich das nicht bewerben.

Wiederholen tun sich Mechanismen. Katastrophen verschwinden aus der persönlichen Erinnerung, Zeitzeugen sterben, Erfahrungen werden zu Kapiteln im Geschichtsbuch, und politische Akteure können anfangen umzudeuten. Der Historiker Volker Weiß beschrieb 2025 gegenüber der Tagesschau, wie Rechtsextreme versuchen, deutsche Verluste und vermeintlich positive nationale Erzählungen in den Vordergrund zu schieben (tagesschau.de). Man stelle sich die Sitzung im zuständigen Ministerium vor: Die Zeitzeugen fallen leider ohne Übergabebericht aus, jemand schlägt einen Avatar für TikTok vor, und der Avatar hat nach drei Minuten Internet gelernt, dass Gutenberg nur erfunden wurde, um Illuminaten-Flyer zu drucken. Im Protokoll steht anschließend: Zuständigkeit klären, Pressesprecher im Urlaub.

Erinnerungskultur klingt nach Stuhlkreis in der Volkshochschule. Übersetzt heißt es: Merkt euch, was passiert ist, damit ihr nicht morgen wieder dieselben Gräben aushebt. Soziologen nennen das ein demokratisches Sicherheitssystem. Und was macht man hierzulande mit Sicherheitssystemen? Man schaltet sie ab, weil der Piepton nervt.

Bequem wäre es, Verklärung nur rechts zu suchen. Auch Teile der Linken beherrschen Soft Language. Wer die Verbrechen autoritärer kommunistischer Regime mit deren ursprünglichen Zielen entschuldigt, soziale Gleichheit und Ende der Ausbeutung, macht Geschichte hübscher, als sie war. Leninistischer Terror, Maoismus oder die nordkoreanische Diktatur werden nicht humaner, nur weil Sozialismus auf dem Etikett steht. In der Fußnote der Apologeten wird die maoistische Hungersnot dann zum „Agrarexperiment mit vorübergehend reduziertem Nahrungsangebot“ und Nordkorea zum „alternativen Lebensmodell mit eingeschränkter Buffetauswahl“. Das ist keine mathematische Gleichsetzung der Extreme, Ideologie, Macht und Dimension unterscheiden sich jeweils. Mir geht es um den simplen Punkt, dass ein angeblich gutes Ziel keine Bewegung davor schützt, menschenverachtend zu werden.

Menschen greifen nach einfachen Antworten, wenn sie sich ohnmächtig fühlen. Wirtschaftliche Unsicherheit, Abstiegsängste, Misstrauen gegenüber Institutionen und das Gefühl, politisch nichts bewegen zu können, ergeben dafür einen ziemlich brauchbaren Nährboden. Dazu kommen Social Media, algorithmische Empörung und KI-Content. Propaganda war noch nie so billig zu produzieren, zu vervielfältigen und zu personalisieren. Der Algorithmus verdient an der Wut, der Staatssekretär hat eine Pressemitteilung. Fairer Wettbewerb sieht anders aus.

Die Parallele zum Buchdruck gefällt mir deshalb besser als jeder mystische Jahrhundertzyklus. Gutenbergs Technik gab Bildung und Wissenschaft ab Mitte des 15. Jahrhunderts enorme Möglichkeiten und verbreitete politische und religiöse Konflikte in einem Tempo, das vorher kaum denkbar war. Mit KI passiert gerade dasselbe, nur schneller: Texte, Bilder, Stimmen und Videos auf Knopfdruck. Wir haben Systeme, die in Millisekunden die gesamte Weltliteratur durchsuchen können, und das Erste, was viele damit bauen, ist ein Video, in dem ein Politiker zugibt, ein Echsenmensch zu sein, der das Leitungswasser vergiftet. Bei Gutenberg war es noch das Flugblatt, das erklärte, warum die Kuh der Nachbarin mehr Milch gibt als die eigene.

Daraus folgt keine vorprogrammierte Katastrophe. Geschichte hat keinen Respawn-Timer für Faschismus, Krieg oder Diktatur. Wenn soziale Krisen, technologische Umbrüche, Radikalisierung und kollektives Vergessen gleichzeitig aufeinandertreffen, sollte man die Feuerlöscher allerdings nicht ausgerechnet jetzt zur Wartung schicken.

Vielleicht wiederholt sich Geschichte deshalb gar nicht. Wir Menschen sind nur erstaunlich gut darin, dieselben Bugs wieder einzubauen, und im Changelog steht bei jedem Update: Kleinere Verbesserungen und Fehlerbehebungen.

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Quellen

The National Archives: Plague

ARD-DeutschlandTrend vom September 2026

Deutscher Bundestag: Forderung nach Neuausrichtung der deutschen Erinnerungskultur

Tagesschau: Interview mit dem Historiker Volker Weiß zur Umdeutung der Geschichte

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