Gender Pay Gap für KI: Johanna bekommt weniger Geld als Johan

Frauen verdienen weniger als Männer, nun erwischt es offenbar sogar Frauen, die weder leben noch Miete zahlen und nur aus Einsen und Nullen bestehen. Wir haben künstliche Intelligenz entwickelt und ihr beiläufig den Gender Pay Gap installiert.

Für eine Studie arbeiteten 189 Berufstätige in einem virtuellen Büro mit verschiedenen KI-Assistenten zusammen. Unter ihnen befanden sich zwei menschlich wirkende Avatare namens Johan und Johanna. Beide nutzten dieselbe zugrunde liegende Technik, erledigten vergleichbare Aufgaben und verfügten über identische Fähigkeiten. Namen, Stimmen und Auftreten sorgten für den kosmetischen Unterschied. Anschließend bekamen die Teilnehmenden echtes Geld, das sie zwischen sich und ihrem digitalen Helfer aufteilen konnten.

Johanna erhielt im Durchschnitt 10,25 Prozent weniger als Johan. Für dieselbe Arbeit. Als KI. Johanna braucht keine Wohnung, kauft keine Lebensmittel und besitzt mutmaßlich nicht einmal ein PayPal-Konto. Trotzdem saß irgendwo ein Mensch mit VR-Brille: „Der künstlichen Frau reichen ein paar Franken weniger.“

Technologisch liefen Johan und Johanna im Gleichschritt. Beim Vertrauen in ihre Antworten und dem zugeschriebenen Anteil an der gemeinsamen Leistung fanden die Forschenden keine signifikanten Unterschiede. Johan wurde allerdings als menschlicher wahrgenommen. Ein männlicher Name samt männlicher Stimme und schon wirkt derselbe digitale Unterbau merkwürdig kompetenter bewohnt. Johanna hätte vermutlich noch virtuellen Kaffee verteilen müssen, damit ihre Existenz vollständig im Büro ankommt.

Kurioserweise erklärten viele Teilnehmende in den Befragungen, das Geschlecht des KI-Assistenten habe für ihre Entscheidung keine Rolle gespielt. Das Geld entwickelte anschließend seine eigene Meinung. Vorurteile arbeiten häufig derart geräuschlos: Im Kopf läuft bereits das Gleichberechtigungs-Update, während die Hand noch auf einer historischen Software-Version herumtippt. Der Mensch nennt das gerne Bauchgefühl.

Die Untersuchung trägt den Titel „Human-like and male? How AI assistant design relates to trust and monetary reward at work in VR“. Forschende der University of Limerick, der Universität Zürich und der SKEMA Business School waren daran beteiligt. Neben den menschlich präsentierten Avataren kamen ein Text-Chatbot und ein Schreibtischroboter zum Einsatz. Beim Duo Johan und Johanna trat der Gender-Effekt frappierend sichtbar hervor.

Freilich erhielt hier keine Arbeitnehmerin einen regulären Lohn. Die Teilnehmenden verteilten eine begrenzte Geldsumme innerhalb eines kontrollierten Experiments. Aus 189 Personen entsteht noch keine universelle Formel für jeden Arbeitsplatz. Der Befund zeigt dennoch ziemlich elegant, was passiert, sobald Technik ein menschliches Gesicht erhält: Unser gesellschaftlicher Ballast reist direkt mit. Kostenloser Datenimport. Läuft automatisch im Hintergrund.

Die Präsentation von KI-Systemen entwickelt damit handfeste Wirkung. Namen, Stimmen und Avatare beeinflussen, wie kompetent oder menschlich ein System erscheint. Unternehmen statten Assistenzbots seit Jahren auffällig gern mit weiblichen Stimmen aus. Freundlich helfen, Termine verwalten und Beschwerden entgegennehmen passt weiterhin hervorragend ins digitale Rollenbild. Für Autorität und Strategie darf die Maschine mutmaßlich Johan heißen und ein seriöses Hemd tragen.

KI-Agenten wandern zügig in echte Workflows. Menschen entscheiden, welchem System sie vertrauen, welchen Rat sie aufgreifen und wie viel Verantwortung sie ihm geben. Wirkt eine weiblich präsentierte KI automatisch weniger kompetent oder menschlich, ziehen alte Klischees in neue Produkte ein. Dort bekommen sie ein cleanes Interface und heißen plötzlich User Experience.

Dr. Mary Hausfeld von der University of Limerick formulierte den zentralen Befund erfreulich direkt: Hinter beiden Agenten arbeitete dieselbe Technik, behandelt wurden sie unterschiedlich. Designentscheidungen können jene Annahmen aktivieren, die unser Verhalten gegenüber Menschen ohnehin prägen.

Johanna besitzt kein Bewusstsein und verfasst nach Feierabend keinen wütenden LinkedIn-Post. Das Experiment erzählt hauptsächlich etwas über uns. Unsere Vorurteile nehmen wir inzwischen sogar mit in Virtual Reality. Andere Leute vergessen dort ihre Controller. Wir vergessen lieber die Gleichberechtigung.

KI könnte künftig Krankheiten früher erkennen, Forschung beschleunigen oder komplette Unternehmen organisieren. Vorher erklären wir ihr vorsorglich, dass sie mit weiblicher Stimme ungefähr zehn Prozent weniger wert ist. Fortschritt. Der virtuelle Obstkorb folgt sicherlich im nächsten Update.


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Quellen

The Irish Times: Female-looking AI agents were paid less than male ones in virtual office, study finds
The Independent: Female AI agents ‘paid’ less than males, study finds
TechCentral: Identical AI assistants, unequal pay

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